Museumsgeschichte

Auf Anordnung des Bürgermeisters Vinzenz Würth ordnete der Ratsprotokollist Johann Baptist Geißler 1833 in einem Raum des Rathausturmes (im 3. Stock mit dem Erkerfenster) die „städtische Rüstkammer“, die bis dahin im Nalberturm untergebracht war, neu. Er beschrieb und katalogisierte den vorhandenen Musealbestand, was als formale Gründung des Museum Retz anzusehen ist. Er wurde so zum Gründer der „Antikenkammer“, des ersten Heimatmuseums in Niederösterreich.

Johann Baptist Geißler, geboren 1784 in Brünn, war seit 1810 Buchdrucker in Retz. Den Beruf gab er ein Jahr, nachdem er in der Stadtgemeinde die Stelle des „magistratischen Ratsprotokollisten“ erhalten hatte, auf. Geißler legte auch das „Gedenkbuch der Stadt Retz“ an. Ein gut erhaltenes Ölbild im Museum hält das Andenken an den Museumsgründer und ersten Chronisten der Stadt aufrecht.

Die Sammeltätigkeit trug „dem romantischen Wesenszug der Biedermeierzeit“ (Retzer Heimatbuch, II. Band, S.378) Rechnung. Man trug liebgewordene Utensilien und Objekte aus dem bürgerlichen Leben zusammen, um sie der Nachwelt zu überliefern.

Nach Geißlers Tod wurde die „Antikenkammer“ bis 1848 von Bürgermeister Josef Mößmer betreut, danach geriet sie in Vergessenheit. Josef Mößmers Sohn Anton Mößmer nahm sich 1874 der Sammlung an, führte eine Neuordnung durch und war ein reger Sammler.

Von 1890 bis 1907 war Bürgermeister Alois Richter Museumsverwalter. Im damals neu gebauten Postgebäude (heute Hauptplatz 13) wurden die Musealbestände in vier Räumen untergebracht. Richter ergänzte die Sammlung durch die prähistorischen Funde. Alois Richter war ein bekannter Numismatiker, seine umfangreiche Münzen- und Medaillensammlung befindet sich heute im Stadtarchiv.

Von 1907 bis 1934 wurde das Museum von Bürgermeister Karl Mößmer verwaltet. Er gründete die Volkskundeabteilung und baute mit Unterstützung des Fachlehrers Alexander Sackl die prähistorische Sammlung aus. Er legte außerdem eine umfangreiche Sammlung von Erinnerungsstücken aus dem Ersten Weltkrieg an. Sie wurde damals ergänzt durch Leihgaben aus dem Heeresgeschichtlichen Museum und war in der Zwischenkriegszeit im Bürgersaal des Rathauses als „Kriegsmuseum“ aufgestellt.

Von 1925 an bis 1942 wurden die Musealagenden von Studienrat Prof. Rudolf Resch, dem Verfasser des Retzer Heimatbuches, wahrgenommen. Er bemühte sich um die Ordnung und Bestimmung der geologischen und paläontologischen Bestände. Die Bedeutung der städtischen Sammlungen trug er durch zahlreiche Publikationen in die Öffentlichkeit.

Nach ihm betreute Prof. Rudolf Reschs Neffe, Fachlehrer Anton Resch, das Museum: „Die NS-Zeit hat das Museum in ein Chaos verwandelt. Die Schausäle im Postgebäude wurden in Gefolgschaftsräume verwandelt, die herrlichen Vitrinen zertrümmert, das Musealgut in der Alten Sparkasse eingelagert. Dort wurde eine Wiederaufstellung begonnen, die aber infolge des Krieges ein Torso blieb. Beim Herannahen der Front fanden sich Lokalpatrioten, welche die ihnen am wertvollsten scheinenden Objekte bargen. Allein die Vorsichtsmaßnahmen erwiesen sich als unnötig. Auch die nicht gehorteten Gegenstände blieben uns völlig erhalten.“ (Anton Resch, Zur Wiedereröffnung des ältesten Heimatmuseums Niederösterreichs. Wochenblatt für das Viertel unter dem Manhartsberg, Nr. 44, 1.11.1947)

Anton Resch und der Leiter der kulturwissenschaftlichen Abteilung des Niederösterreichischen Landesmuseums, Dr. Rupert Feuchtmüller, ordneten den Musealbestand nach dem Krieg neu, das Museum wurde im Bürgersaal des Rathauses neu aufgestellt. 1948 folgte die Neuaufstellung der heimatkundlichen und der prähistorischen Sammlung im Bürgerspital.

 

Das Bürgerspital

Ursprünglich „Spital der armen Siechen“ und Stiftung des Hardegger Grafen, wurde das Bürgerspital bereits vor 1279 – damals bei der Kirche – gegründet. 1467 erfolgte der spätgotische Neubau der Kapelle innerhalb der Stadtmauern beim Znaimertor. Stiftungen und Vermächtnisse ließen das Vermögen des Spitals anwachsen, das Spitalshaus, Kapelle, Friedhof, Nebengebäude, Äcker, Wiesen, Wald und Weingärten umfasste. Nach dem Dreißigjährigen Krieg erfolgte die barocke Umgestaltung der Kapelle, 1798 wurde sie im Zuge der kirchlichen Reformen Kaiser Josefs II. geschlossen. Danach diente das Gebäude als Theatersaal, Sparkasse, Gemeinderatssaal und Schule. In den Nebengebäuden befanden sich zeitweise Stadtschreiberwohnung, Militärspital, Arrest, Archive und Gemeindekanzlei. Ab 1948 wurden die Sammlungen des städtischen Heimatmuseums im Bürgerspital aufgestellt. Der Gebäudekomplex hat also eine überaus bewegte Geschichte, die durch die komplette Restaurierung 2003/2004 einen neuen Höhepunkt fand. Die Stiftung Bürgerspital besteht noch heute. Aus den Erträgen des verbliebenen Grundbesitzes von rund 53 Hektar Weingärten, Wald und Ackerland werden nach wie vor bedürftige Gemeindemitglieder unterstützt. # Das „Spital der armen Siechen“ (später „Bürgerspital“) war eine Armenstiftung der Hardegger Grafen für arme, kranke, hilflose oder alte Leute. Die Gründungszeit ist unbekannt, da keine Stiftungsurkunde erhalten ist. Ebenso ist das ursprüngliche Stiftungsgut ungewiss, doch dürften die Gebäude, Weingärten und Äcker aus dem gräflichen Besitz selbst stammen. Die Stiftung stellte eine wichtige soziale Einrichtung dar, da damals keine staatliche soziale Fürsorge für Verarmte oder Erwerbsunfähige existierte. Es ist anzunehmen, dass das erste Spital bereits vor der Gründung der Stadt Retz (um 1279) errichtet wurde, da es sich in der Nähe der Pfarrkirche und somit außerhalb der Stadt befand. Nach der Zerstörung durch die Hussiten (1425) erfolgte 1467 der spätgotische Neubau des Spitals innerhalb der Stadtmauern in der Znaimerstraße beim Znaimertor. Die geistliche Betreuung der Pfründner oblag einem eigens bestellten „Spitalspfarrer“. Eine Urkunde Kaiser Maximilians I. vom 19. 8. 1516 bestätigte, dass die weltliche Verwaltung des Spitalsvermögens durch den Stadtrat von Retz mittels so genannter „Spitalmeister“ zu erfolgen hatte. Das Spitalsvermögen entstand im Laufe der Jahrhunderte aus Stiftungen, Vermächtnissen und Geschenken der Hardegger Grafen sowie der Retzer Bürger zur Linderung der Not armer Mitbürger sowie zum eigenen Seelenheil. Es umfasste das Spitalhaus (Wohnungen der Pfründner), die Spitalkapelle, den Spitalfriedhof, weitere Gebäude, Äcker, Wiesen und Weingärten und Einlagen. Die Nutzung dieser Landwirtschaft erfolgte anfänglich im Eigenbetrieb, seit 1733 durch die Verpachtung der Äcker und später auch der Weingärten. Zudem war das Bürgerspital auch eine eigene Grundherrschaft mit einer Reihe dienstbarer Untertanenhäuser, die ebenso zu den Erträgnissen der Stiftung beitrugen. Um das Jahr 1700 erhielten die Pfründner am Heiligen Abend Fische, Käse, Äpfel, Zwetschken und Nüsse, zu Ostern Eier, zu Allerheiligen Striezel bzw. am 19. November (St. Elisabethtag) einen Eimer Wein.

Im Zuge der kirchlichen Reformen Kaiser Josephs II. wurde die Spitalkapelle 1798 geschlossen und ihre Einrichtungsgegenstände verkauft. Am 8. Mai 1866 beschloss der Gemeinderat der Stadt Retz die „Statuten des Bürgerspitals der landesfürstlichen Stadt Retz“. Diese regelten die Anspruchsberechtigungen wie folgt: „Zur Erlangung und Beibehaltung einer Bürgerspitalspfründe in der l. f. Stadt Retz ist der nachgewiesene Besitz des städtischen Bürgerrechtes, die unverschuldete Verarmung, Erwerbsunfähigkeit sowie ein rechtlicher und unbescholtener Lebenswandel erforderlich. Gleiche Ansprüche zur Erlangung und Beibehaltung einer Bürgerspitalspfründe haben die Witwen und Ehegattinnen städtischer Bürger, letztere aber nur dann, wenn deren Männer erwerbsunfähig sind." Gemäß den Statuten sollten aus den Stiftungserträgen eine angemessene Zahl Pfründner nach Maß ihrer Bedürftigkeit durch monatliche Geldbeträge, Wohnungsmöglichkeit im Bürgerspitalsgebäude, Bekleidung, Bettwäsche, Beleuchtung und Beheizung unterstützt werden. Ebenso hatte jeder Pfründner Anspruch auf unentgeltliche ärztliche Behandlung durch den Spitalsarzt sowie das Recht auf unentgeltlichen Bezug der Medikamente. Zweck der Stiftung war also offenbar, Einwohner der Stadt Retz, die ihr ganzes Leben zum Wohl der Stadt und der Bürgerschaft wirkten, nach erfolgter Verleihung des Bürgerrechtes vor Not zu schützen. Nicht unerwähnt darf jedoch bleiben, dass auch Stadtarme, die nicht das Bürgerrecht besaßen, im Armenhaus der Stadt Retz in der Lehengasse Unterstützung fanden.

Die Stiftung „Bürgerspital der Stadt Retz“ besteht noch immer. Nach der behördlichen Auflösung der Bürgerspitalsstiftung im Jahre 1939 wurde diese 1964 wiederhergestellt und die Stadtgemeinde Retz mit 1. 1. 1970 wiederum zu deren Verwaltungsorgan bestellt. Heute bilden die Erträgnisse des Stiftungsvermögens, das Grundbesitz von rund 53 Hektar Weingarten, Wald und Ackerland umfasst, einen Fonds, aus welchem Not leidende und verarmte Gemeindemitglieder unterstützt werden. (Text: Dr. Thomas Dammelhart)

Das Bürgerspitalsgebäude

Graf Michael von Maydburg ließ 1467 einen Neubau der Spitalskirche und der Spitalsgebäude im Stile der Spätgotik errichten. Die Kapelle, deren Patrone der hl. Johannes der Täufer und der hl. Johannes Evangelist sind, hatte einen Hauptaltar und zwei Nebenaltäre (Johannes der Täufer, Johannes Evangelist und der hl. Elisabeth geweiht). Bis 1559 befand sich neben der Kirche zum Znaimertor hin der Spitalsfriedhof. Nach der Not des Dreißigjährigen Krieges erfolgten die Ausbesserung des Kirchengewölbes sowie deren barocke Umgestaltung (Glocke, neue Fenster, Sakristei, Kirchenstühle, hölzerner Kirchturm mit Schindeln, Orgelpositiv und kleine Orgel). Jeden Samstag gab es eine Hl. Messe für die Spitalsleute. Öffentliche Gottesdienste wurden am St. Johannes und St. Elisabethtag gefeiert. Nach der Schließung der Kapelle und dem Verkauf der letzten Einrichtungsgegenstände diente die Kapelle als Theatersaal, Sparkassensaal bzw. Gemeinderatssaal. Von 1732 bis 1875 befand sich die Stadtschule im Bürgerspitalsgebäude. Daneben dienten Teile des Gebäudes zeitweise als Stadtschreiber-, bzw. Schulmeisterwohnung, Militärspital, Arrest oder Archivraum. Von 1752 bis 1940 befand sich die städtische Gemeindekanzlei in diesen Räumlichkeiten. 1948 wurden die Sammlungen des städtischen Heimatmuseums hier aufgestellt.